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News > Zukunftsforscher: "Ein Parkplatz ist der widersinnigste Ort, den sich eine Stadt leisten kann"

Zitat utopia/ Deutschland vom 06.06.2024:

"Wie müssen deutsche Städte aussehen, um Hitze und Hochwasser trotzen zu können? Wie bewegen wir uns in einer nachhaltigen Stadt der Zukunft? Welche Städte können Vorbild sein und wie fangen wir beim Umbau am besten an? Ein Gespräch mit dem renommierten Stadtgeograf und Zukunftsforscher Stefan Carsten. [...]

3.200 Menschen starben im Sommer 2023 an bzw. durch Hitze (Zahlen bis Mitte September 2023). Durch den Klimawandel erwarten Expert:innen für die nächsten Jahrzehnte eine weitere Zunahme von Hitze und Hitzetoten. Gleichzeitig zeigen Hochwasser wie aktuell im Süden Deutschlands und die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 eindrücklich: Extremwetter-Phänomene treten wegen der Klimakrise häufiger auf – und richten massive Schäden an.

Hitze und Hochwasser – beide Ereignisse können Städte besonders hart treffen. Genau hier setzt Stadtgeograf und Zukunftsforscher Stefan Carsten an. Er entwickelt Leitfäden, um die Mobilität zu verändern und beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zukunft von Städten und öffentlichen Räumen aussehen wird.

Stadtgeograf und Zukunftsforscher Stefan Carsten im Utopia-Interview

Der Berliner berät zudem das Bundesverkehrsministerium zur ÖPNV-Strategie 2030+ und sitzt im Beirat des Reallabors Radbahn in Berlin. Im Utopia-Interview erklärt er, was die größten Herausforderungen deutscher Städte sind, wie man Hitzewellen am besten begegnet, und verrät, wie aus Schnellstraßen Wälder werden können.

Utopia: Herr Carsten, was sind die derzeit größten Probleme deutscher Städte?

Stefan Carsten: Massive Emissionen, die die Luft verschmutzen. Wenn wir uns in unseren Städten bewegen, sterben wir täglich an Luftverschmutzung. Hinzu kommen Lärmemissionen: Rund 50 Prozent der europäischen Städter wohnen in Gebieten, in denen Lärm über der gesundheitsschädlichen Grenze von 60 Dezibel liegt. Die zusätzliche Verkehrsbelastung führt zu Toten und Verkehrsverletzen. Und natürlich leben wir in Deutschland immer noch in Städten, die ausgerichtet sind auf die Bedürfnisse des Mannes und einer industriellen Gesellschaft und nicht in Städten, die inklusiv und zukunftsfähig sind. [...]

Carsten: Städte sind auf die Bedürfnisse des Mannes ausgerichtet

Utopia: Können Sie die Männerorientierung von Städten genauer erklären?

Carsten: In nahezu jeder deutschen Stadt gibt es die großen Verkehrsachsen, die die funktionalen Gebiete miteinander verbinden. Unsere Städte wurden über Jahrzehnte so gebaut, dass wir an der einen Stelle wohnen, an der anderen arbeiten und in der übernächsten Erholung, Einkauf, Bildung usw. finden.

Alles ist schön räumlich voneinander getrennt, weil es auf das große Planungsideal von Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht. In diesem Modell verlässt der Mann morgens mit dem Auto sein Zuhause und die Familie und fährt als Vollzeitbeschäftigter auf großen Straßen zum großen Industrieparkplatz, arbeitet dort von 8 bis 16 Uhr und kehrt danach abends zurück und die Frau muss sich um alles Weitere kümmern.

Utopia: Das ist recht zugespitzt formuliert.

Carsten: Aber es ist in vielerlei Hinsicht noch immer ein wichtiger Teil unserer Lebensrealität und vor allem sind dies immer noch die sozial-räumlichen Barrieren und Strukturen, in denen wir leben, denken und arbeiten. [...]

Der öffentliche Raum in Städten muss neu gestaltet werden

Utopia: Luftverschmutzung, Lärmbelastung, Verkehrsverletzte und die Fokussierung auf nur bestimmte Mitglieder der Gesellschaft sind massive und gleichzeitig vielschichtige Probleme. Brauchen wir deshalb Einzellösungen für jedes Problem oder gibt es übergreifende Maßnahmen, die allen Bereichen helfen?

Carsten: Ich glaube, es gibt tatsächlich einen roten Faden, der einer Veränderung sehr stark weiterhilft. Das ist die Neubewertung des öffentlichen Raumes und gleichzeitig dessen Umgestaltung. Der öffentliche Raum ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Idee der europäischen Stadt, dort bewegen wir uns, dort artikulieren, demonstrieren und leben wir.

In Deutschland ist es aber so, dass zwischen 50 und 60 Prozent des öffentlichen Raumes dem Auto gewidmet sind; sei es über Straßen oder über Parkplätze. Das heißt, diese Grundidee der europäischen Stadt ist obsolet, denn wir können den öffentlichen Raum so nicht ausleben. Nur einmal im Jahr dürfen wir ein öffentliches Straßenfest feiern und die Autos bleiben außen vor.

Utopia: Was muss sich also ändern?

Carsten: Wenn wir den öffentlichen Raum verändern und ihn für Fußgänger, für Fahrradfahrer und für den ÖPNV – also für uns Menschen und für nachhaltige Mobilität – umbauen und wenn wir den öffentlichen Raum zu Kommunikationsräumen umgestalten, dann bekommen wir die Emissionen und den Lärm in Griff. Wir können dort dann auch erfolgreicher unternehmerisch handeln.

»Der Einzelhandel leidet unter jedem Autoparkplatz« [...] Paris kann Vorbild für Stadtplanung in Deutschland sein [...]

»Jedes Jahr sterben mehr und mehr Seniorinnen und Senioren an der Hitze«

Utopia: Wir blicken mit etwas Sorge auf den kommenden Sommer, denn gerade in Städten wird es immer heißer. Wie schaffen es Städte, sich ernsthaft gegen Hitzewellen zu wappnen?

Carsten: Es lässt mich verzweifeln, dass Städte nicht entsprechend handeln. Jedes Jahr sterben mehr und mehr Seniorinnen und Senioren an der Hitze. Und es ist den deutschen Politikern vollkommen egal. Das ist die größte Tragödie unserer Zeit in diesem Land. [...]

Die Seestadt Aspern im Stadtgebiet von Wien ist ein gutes Beispiel für zukunftsorientierte Stadtplanung. Sie wird bereits seit zehn Jahren gebaut, dort sollen mal 40.000 Menschen leben. Aspern sieht völlig anders aus als deutsche Städte: 80 Prozent des öffentlichen Raumes sind ein Raum, der laut Marketing-Slogan »ein Raum für Kinder« ist, wo diese Fahrrad fahren oder lernen können. Denn dort gibt es keine Autos.

Utopia: Wie muss man sich eine solche zukunftsorientierte Stadt genau vorstellen?

Carsten: Die Art und Weise, wie wir bauen, muss sich grundsätzlich und radikal verändern. Die Tiefgaragen in Wohngebäuden etwa werden gleichzeitig Überschwemmungsareale bei Starkregenereignissen. Diese Tiefgaragen sind auch nicht für 20 Privat-PKWs ausgelegt, sondern vielleicht für ein oder zwei Carsharing-Plätze. Der Rest sind Lastenfahrräder, Fahrräder und Ladestationen für Fahrräder.

Die Gebäude stehen so eng, dass man immer Schattenwurf hat. Das heißt, du hast immer die Möglichkeit, dich im öffentlichen Raum bei über 40 Grad aufhalten zu können. Und natürlich wurden dort, als es vor zehn Jahren losging, auch Bäume gepflanzt. Bäume sind elementar. Wir müssten auf jedem Parkplatz Bäume pflanzen.

Wem das nicht klar ist, der glaubt immer noch, dass in 20 Jahren das Thema Klimawandel vorbei ist. Bäume, die wir heute pflanzen, werden in 15 Jahren, wenn sie groß gewachsen sind, lebenswichtigen Schatten spenden. Deswegen dürfen wir das Thema Baumpflanzen nie zu kurz kommen lassen. Auch die Gebäudedächer können wir ganz anders nutzen und begrünen, vielleicht lassen sich Dächer auch so zu konzipieren, dass wir dort sogar Sträucher und Bäume pflanzen können. [...]"

https://utopia.de/zukunftsforscher-parkplatz-widersinnigste-...
Quelle: utopia.de


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